AERZTE Steiermark | Mai 2020

KOMMENTAR ÆRZTE Steiermark  || 05|2020 29 „Ostererlass“ samt Erklärung (Ende April), private Treffen im Familien- und Freundes- kreis wären ohnedies erlaubt gewesen, erscheinen jeden- falls wenig geeignet, das Ver- trauen in die angekündigte „faktenbasierte”, stufenweise datenkontrollierte Vorgangs- weise anhaltend und ausrei- chend aufrechtzuerhalten. Auf internationale Verflech- tungen, Abhängigkeiten und die Performance der EU möchte ich hier nicht ein- gehen. Aus fachlicher Sicht ist aber sehr wohl positiv anzumerken, dass unter den WissenschaftlerInnen absolut „open source“ verkehrt wird, China die Gensequenz des neuen Virus rasch bekannt gemacht hat und zurecht auf „Vorbildländer“ wie Südko- rea, Taiwan und Singapur geschaut wird. M. E. lohnt das auch soziokulturell, was aber Kritik unsrerseits in Richtung Grundrechte keineswegs aus- schließen soll. Ad Diagnostik, Impfstoff & Therapie Dass das neue Virus aus dem Labor gekommen sei, ist auch als Unfall wenig wahrschein- lich, und für eine Biowaffe hätte man wohl einen auch für Jugendliche bzw. junge Menschen gefährlicheren Stamm gewählt. Für jemand, der das weltweite Infektions- geschehen seit Jahrzehnten beobachtet, sind – grob skiz- ziert – Ursprung von Wild- tieren und Anpassung an den Menschen über Nahrung und Übertragung auf Märkten durchaus bekannte Wege. Da es aber nicht unbedingt auf diesem einen genannten Markt losgegangen sein muss, sondern auch schon länger in der dortigen Bevölkerung zirkuliert sein kann, ist der Ursprung noch nicht geklärt. Plötzlicher Verlust von Ge- ruchs- und Geschmackssinn und typisches Lungen-CT ge- hören inzwischen zu den fi- xen Diagnosekriterien. Gegen Ende einer vorerst harmlos verlaufenden 1. Krankheits- woche kann es zu schwerer Atemnot kommen, welche subjektiv oft gar nicht als sol- che wahrgenommen und die Einweisungsbedürftigkeit per Pulsoximeter festgestellt wird. Ein Innsbrucker Intensiv- und Tauchmediziner hat bei Nach- untersuchungen noch Wochen anhaltende Lungenverände- rungen und Leistungseinbu- ßen beschrieben. Bei der Therapie mit schon vorhandenen Medikamenten scheint nur noch Remdesi- vir im Rennen zu sein, aber auch hier gibt es bereits einen Dämpfer. Vielleicht wurde es als Virostatikum in der Studie aber auch erst eingesetzt, als bei ARDS/Zytokinsturm die Hyperimmunreaktion das Ge- schehen bestimmt hat. Auf den 2. Blick als Hypothese nicht so abwegig wäre ein Erfolg mit Nikotin-Pflastern, was natür- lich an der Raucher-COPD als Risikofaktor nichts ändert. Von einer wenigstens einige Jahre schützenden Immunität darf man schon ausgehen. Jüngste Berichte über Re- infektionen Genesener sind labor- und probenahmetech- nisch erklärbar. Manchmal noch tief aus der Lunge aus- gehustete Viruspartikel sind zwar mit der PCR nachweis- bar, aber keineswegs mehr infektiös, genausowenig wie jene aus dem Stuhl (das kann man sich übrigens durch Untersuchungen städtischer Abwässer zum Überwachen regionaler Infektionsherde zunutze machen). Die Nicht-Weiterentwicklung von Impfstoffen bei SARS I und MERS geht eher auf Ver- siegen der Finanzen zurück als auf mangelnde Erfolgs- aussichten. Aber: Wir können die damaligen Erfahrungen nicht nur technisch, sondern sogar als quasi molekularbi- ologisches Grundgerüst nun gut nutzen. Eine Notfallthe- rapie aus „Rekonvaleszen- tenserum“ (Genesene spen- den Plasma) wurde in der Steiermark – allerdings bei einem sonst wahrscheinlich unbeherrschbaren Notfall – bereits experimentell, aber erfreulicherweise eben erfolg- reich, eingesetzt. Im Ernst- fall entscheidend bleibt leider nach wie vor die intensivme- dizinische Ausstattung und Kompetenz. Zahlen & ExpertInnen Die FachexpertInnen sitzen im Beraterstab; die strategischen Entscheidungen treffen Mi- nisterInnen und Kanzler, im organisatorischen Ablauf der Krisenstab. Die fachlichen Einschätzungen fußen neben Erfahrungen aus dem Ausland und ersten Tagungs- und Stu- dienergebnissen wesentlich auf den eigenen, möglichst prompt und zuverlässig erhobenen Da- ten. Von Anfang war von einer hohen Ansteckungsfähigkeit und Übertragung durch auch „Die Lockerung kann nur stufenweise, feindosiert und datenkontrolliert gelingen. Mit Rückschlägen ist eher zu rechnen als mit baldigen wissenschaftlichen Durchbrüchen. Ein mühsamer ständiger Lernprozess steht noch für längere Zeit ins Haus.“ Alfred Gränz „Der zurückgezogene ‚Ostererlass’ samt Erklärung (Ende April), private Treffen wären ohnedies erlaubt gewesen, erscheinen jedenfalls wenig geeignet, das Vertrauen in die angekündigte ‚faktenbasierte’, stufenweise datenkontrollierte Vorgangsweise anhaltend und ausreichend aufrecht zu erhalten.“

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