AERZTE Steiermark | September 2020
ÆRZTE Steiermark || 09|2020 27 VERSORGUNG Fotos: beigestellt ich wusste, dass meine Frau die Ordination auch allein schupft“, resümiert Willi Kelz. Seine Frau wusste an ihrer Form des Jobsharings zu schät- zen, dass sie die Nachmittage mit den Kindern verbringen konnte. Am Vormittag hielt eine Angestellte den Haushalt in Schuss. „Wir haben immer leicht Mitarbeiterinnen ge- funden“, berichtet Renate Kelz. „Unsere Haushälterin konnte sich aber auch darauf verlas- sen, dass ich sofort zu ihr kom- men werde, selbst wenn sie um Mitternacht anruft, weil ihr Kind einen Pseudokrupp- Anfall hat.“ Im Rückblick haben sich die beiden Doktoren Kelz ausge- rechnet, dass sie in manchen Familien sogar fünf Generati- onen ärztlich begleitet haben. Das Kind, dessen Herztöne sie in utero gehört haben, ist dann mit den eigenen Kindern in die Praxis gekommen. Fliegender Wechsel Der Generationenwechsel in der Kelz´schen Ordination ist letztlich auch gut geglückt. Zweimal wurde die Nachfol- gepraxis ausgeschrieben, dann kam eine ortsansässige junge Ärztin zum Zug. Die Vorgän- ger haben ihr versprochen, noch als Vertretung zur Verfü- gung zu stehen. Mit April 2020 wurde die Praxis übergeben; im Juli stand das Ehepaar Kelz schon als Krankenstandsver- tretung wieder in der ehemals eigenen Ordination im Ein- satz. „Es war ein lustiges Ge- fühl“, berichtet Willi Kelz von seiner kurzfristigen Rückkehr. Aber prinzipiell ist er froh, nun in Pension zu sein: „Ich habe mich drei Jahre lang auf dieses Datum eingestellt und man muss auch Abschied- nehmen lernen.“ Seiner Frau fehlt die Arbeit ebenfalls nicht sehr. „Die Enkel brauchen ohnehin immer etwas.“ Ende Juli kamen als Nummer vier und fünf noch Zwillinge zur Enkelschar hinzu; der Bedarf an großmütterlichem Enga- gement ist also durchaus vor- handen. Die konkrete Übergabe der Ordination verlief allerdings eher turbulent als geplant. Aufgrund eines COVID- 19-Falles wurde die Praxis eine Woche vor dem Pensi- onsantritt in Quarantäne ge- schickt und die Patientinnen und Patienten durften nur mehr telefonisch kontaktiert werden. „Wir konnten uns nicht richtig verabschieden und die emotionale Ernte ist uns dadurch abgegangen“, bemerkt Kelz, der im Dorf stets „Willi-Doktor“ genannt wird, mit Bedauern. „Aber es haben uns viele Patienten ge- schrieben und im Lockdown Geschenke vor die Tür gelegt. Und wir treffen sie ohnehin im täglichen Leben wieder, beim Einkaufen, beim Walken oder beim Spazieren mit den Enkel- kindern“, erzählt Renate Kelz. Zug für Landarzt abgefahren Einig sind sich die beiden Ärzte darin, dass sie ihre ärzt- liche Karriere, könnten sie sich nochmals entscheiden, heute wieder genau so planen wür- den. „Aber zu den damaligen Bedingungen“, schränkt Willi Kelz ein. „Heute ist so ein Landarzt-Da- sein viel schwieriger, weil das medizinische Wissen inzwi- schen explodiert ist. Da ist es verständlich, wenn die Jungen sich lieber auf ein Spezialge- biet beschränken.“ Das Bunte und die Vielfalt waren es aber gerade, die Renate Kelz an der Allgemeinmedizin gereizt haben. „Und wir haben ei- nander bei Notfällen gestützt“, ergänzt sie. Einzelkämpfer wie die meisten Hausärztinnen und -ärzte mussten die beiden nie sein. Ihre gemeinsame Fortbildungszeit haben sie fast wie eine Art Urlaub betrach- tet, wenn sie einen Abend in Graz waren oder ein paar Tage ohne Kinder auf einem Seminar. Beide waren Teil der- selben Balint-Gruppe, nur in der Freizeit pflegte jeder auch eigene Interessen. „Ich glaube, der Zug für den alten Landarzt ist abgefahren“, bekennt Willi Kelz. „Die PVZ werden kommen. Da ist die medizinische Versorgung si- cher auch gut, allerdings fällt die soziale Komponente weg“, sinniert er. „Wir kennen halt das gesamte soziale Umfeld, treffen die Leute auch beim Kirchgang und beim Sporteln und sind, wenn es Probleme in der Schule gibt, auch mit den dortigen Menschen vertraut“, so Renate Kelz. Eine Chance sieht ihr Mann in der Lehrpraxis. Wenn man die forcierte, würden mehr Junge Landärzte werden wollen. Und wenn er persönlich etwas am System ändern könnte? „Dann würde ich sagen: jedem Arzt seine Hausapotheke!“ Ärzte-Ehepaar Renate und Willibald Kelz: dreieinhalb Jahrzehnte Landärzte- sein – Hand in Hand mit un- terschiedlichen Schwerpunkten „Wir hatten schon im Studium gemeinsam beschlossen, uns in einem Dorf niederzulassen, wo wir wohnen und wirken wollten – und uns dort verwurzeln.“ Renate Kelz
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