AERZTE Steiermark | September 2020

28 ÆRZTE Steiermark  || 09|2020 FORSCHUNG URSULA SCHOLZ Rheuma, Diabetes oder Glau- kom: Bei Erkrankungen, die eine regelmäßige Medika- menteneinnahme erfordern, deren Auswirkung aber nicht unmittelbar erlebbar ist, lässt die Therapietreue der Pa- tientInnen mit der Zeit oft dramatisch nach. Weil die Medikation nicht zur Heilung führt, sondern lediglich dazu dient, Spätfolgen zu vermei- den, leuchtet der Nutzen der Einnahme im Moment oft nicht ein. Wie groß dieses Problem ist, quantifizierte die WHO im Jahr 2003, als sie er- hob, dass nur rund die Hälfte aller chronisch Kranken ihre Medikamente wie verordnet anwendet. Medizinisch ver- meidbare Entwicklungen, wie im Falle des Glaukoms eine Erblindung, nehmen dann durch mangelnde Adhärenz ihren Lauf. Der gebürtige Schweizer Mar- cel Bilger, derzeit sowohl Pro- fessor an der Wiener Wirt- schaftsuniversität als auch Mitarbeiter des Signature Programs in Health Services & Systems Research an der Duke-NUS Graduate Medical School in Singapur, hat sich mit einem Team der Duke- NUS und des Singapore Na- tional Eye Center der Frage angenommen, wie sich Thera- pietreue steigern lässt. Dabei lag sein Fokus auf der An- wendung von Erkenntnissen der Verhaltensökonomie, bei- spielsweise der Verlustaversi- on (die PatientInnen können ihr Geld zurückverdienen) oder der Salienz (die Patient­ Innen müssen regelmäßig an den möglichen Gewinn den- ken). Zwei Rabattstufen Über sechs Monate wurde für seine SIGMA-Studie (Study on Incentives for Glaucoma Medication Adherence) bei 100 zuvor wenig therapie- treuen Probanden des Singa- pore National Eye Center die Regelmäßigkeit ihrer Augen- tropfen-Anwendung doku- mentiert. Verpassten sie auch nur ein- mal am Tag die vereinbarte Einnahmezeit, zählte der ge- samte Tag als Fehler. Wäh- rend in der Kontrollgruppe zwei fixe Prämien ausbe- zahlt wurden, stellte man den Probanden der Inter- ventionsgruppe einen Rabatt ihrer Behandlungskosten in Aussicht, abhängig von ihrer Therapietreue: Wer an mehr als 90 Prozent der Tage sei- ne Augentropfen zeitgerecht angewandt hatte, musste nur die halben Behandlungskos­ ten tragen. Bei einer entspre- chenden Medikation an 75 bis 90 Prozent der Tage gab es 25 Prozent Rabatt. Ganz bewusst wurde dieser zweite Anreiz für jene geschaffen, für die eine ständige Therapietreue unerreichbar schien, damit sie sich trotzdem engagie- ren. Ein wichtiger Aspekt des Studiendesigns war auch, dass die Belohnung zeitnah erfolgt, weil sich die meisten Menschen erwiesenermaßen eher an einem raschen Vorteil orientieren. Motivation durch Bedauern Zur Dokumentation einge- setzt wurden „medication tracker“, die die Medika- mentenentnahme aus dem vorgesehenen Abschnitt des Behälters ebenso elektronisch registrierten wie den Zeit- punkt der Entnahme. Beiden Gruppen wurde nach Monat drei ein Report zugesandt, SIGMA-Studie: Verhaltens­ ökonomie im Dienst der Therapietreue Marcel Bilger, Professor an der Wiener Wirtschaftsuniversität, hat an seinem zweiten beruflichen Standort in Singapur erforscht, ob Glaukom-PatientInnen ihre Medikamente regelmäßiger einnehmen, wenn sie dafür nach den Prinzipien der Verhaltensökonomie be- lohnt werden. Die Antwort lautet: Ja. Kongressleitung: Univ. Lekt. Dr. Gunther Leeb Univ. Prof. Dr. Paul Haber Veranstaltungsort: Althof Retz, Althofgasse 14, 2070 Retz, www.althof.at Fortbildungs-ID: 682593 15. Weinviertler Sportärztetage 23. - 25. Oktober 2020 „Sportmedizin und Leistungssport“ und Generalversammlung der Österreichischen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention (ÖGSMP)

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