AERZTE Steiermark 04/2026

 

Die richtige Tür zur richtigen Zeit

Die Frage ist bewusst einfach, die Wirkung bewusst direkt: Mit der Plakat-Serie „Bin ich ein Notfall?“ setzt die steirische Ärzteschaft einen Denkanstoß, um in der Bevölkerung mehr Bewusstsein für die Behandlungspfade im Gesundheitssystem zu schaffen.

Dahinter steckt kein Abschreckungsversuch, sondern ein klares Anliegen: mehr Orientierung im Gesundheitssystem, mehr Gesundheitskompetenz im Alltag und eine Patientenlenkung, die dafür sorgt, dass Menschen dort ankommen, wo sie am besten versorgt werden.

Manchmal reicht ein einziger Satz, um einen Denkprozess auszulösen. „Bin ich ein Notfall?“ – diese Frage begegnet Patient:innen derzeit auf Plakaten in Ambulanzen und auf Citylights rund um steirische Spitalsstandorte. Sie ist bewusst klar formuliert, weil sie genau dort ansetzt, wo Patientenlenkung beginnt: beim Hinterfragen, beim Versuch, für ein medizinisches Anliegen nicht nur irgendeine, sondern die richtige Anlaufstelle zu wählen.

Es geht um Orientierung

„Nicht jede Beschwerde ist ein Fall für die Notaufnahme. Sehr wohl aber verdient jedes medizinische Anliegen eine gute, rasche und passende Versorgung“, so der Initiator der Kampagne, Ärztekammer-Präsident Michael Sacherer. Und genau darum geht es bei der aktuellen Kampagne der Ärztekammer für Steiermark: nicht um das Wegschicken von Menschen, sondern um Orientierung in einem Gesundheitssystem, das viele Türen hat – und in dem die richtige Tür oft nicht auf den ersten Blick erkennbar ist.

Für Michael Sacherer ist das eine zentrale Frage der Versorgungsqualität. „‚Bin ich ein Notfall?‘ ist eine Einladung zur Selbstreflexion“, betont er. Ein modernes Gesundheitssystem müsse Orientierung bieten – gerade dann, wenn es breit aufgestellt sei und viele Angebote bereithalte. Wer einschätzen könne, wann etwas wirklich dringend ist und wann der niedergelassene Bereich die bessere erste Anlaufstelle darstellt, stärke nicht nur die Effizienz des Systems, sondern auch Selbstbestimmung und Vertrauen.

Wenn der falsche Weg gewählt wird

Diese Orientierung ist dringend nötig. Denn die Realität in den Spitalsambulanzen zeigt seit Jahren, dass dort nicht nur akute Notfälle behandelt werden, sondern auch viele Beschwerden, die medizinisch gut im niedergelassenen Bereich aufgehoben wären. Das ist kein Vorwurf an die Patient:innen, sondern Ausdruck von Unsicherheit, mangelnder Information und mitunter auch fehlender Lenkung. Die Folge: echte Notfälle treffen auf ein System, in dem Aufmerksamkeit, Zeit und Personal bereits stark gebunden sind.

Verbindliche Patientenlenkung

Wie spürbar diese Belastung im Alltag ist, unterstreicht Gerhard Posch, Kurienobmann der angestellten Ärzte. „Die wichtigste Ressource im Gesundheitswesen ist die Aufmerksamkeit. Und Aufmerksamkeit kann man nicht verdoppeln – man kann sie nur besser einsetzen.“ Genau deshalb brauche es eine verbindliche Patientenlenkung. Posch stellt klar: „Nicht nur den Patienten, auch uns steht eine verbindliche Patientenlenkung zu, damit wir die richtigen Patienten zur richtigen Zeit am richtigen Ort behandeln können. Denn die Notaufnahme darf kein Navigationsfehler im Gesundheitssystem sein.“ Es gehe also nicht darum, Menschen abzuweisen, sondern ihnen früher und klarer zu zeigen, welcher Weg medizinisch sinnvoll ist.

Damit das funktioniert, braucht es allerdings mehr als Appelle. Patientenlenkung kann nur dort gelingen, wo echte Alternativen sichtbar und verfügbar sind. Mit mehr als 2.400 niedergelassenen Ärzt:innen in der Steiermark steht eine starke und flächendeckende Versorgungsstruktur bereit. Gerade bei akuten Beschwerden ist eine wohnortnahe Abklärung häufig rasch möglich, vielfach innerhalb von ein bis zwei Tagen. Der niedergelassene Bereich ist damit keine Ergänzung zum System, sondern eine tragende Säule der Versorgung.

Reduziert auf das Wesentliche

Während die Stärke des Gesundheitssystems auf der Breite des Versorgungsangebotes beruht, liegt sie bei der Kampagne in ihrer Reduktion. Statt langer Erklärungen stellt sie eine einfache Frage – und macht damit ein komplexes Versorgungsthema unmittelbar greifbar. Genau so wird Patientenlenkung im Alltag wirksam: nicht als abstrakte Strukturdebatte, sondern als konkrete Orientierungshilfe in einem entscheidenden Moment.

Am Ende geht es um ein Gesundheitssystem, das Verantwortung nicht abschiebt, sondern Orientierung gibt: mit starken Spitälern für echte Notfälle, einem leistungsfähigen niedergelassenen Bereich für die wohnortnahe und rasche Versorgung sowie Patient:innen, die zur richtigen Zeit am richtigen Ort sind. Oder, wie Michael Sacherer es auf den Punkt bringt: Nicht die Komplexität eines Systems entscheidet über seinen Erfolg, sondern ob sich die Menschen darin zurechtfinden.

 

Fotos: Schiffer, Furgler