AERZTE Steiermark 04/2026
Fehlende Patientenlenkung sorgt für überlastete Ambulanzen
Trägt die telefonische Gesundheitsberatung 1450 zur Entlastung des Gesundheitssystems bei? Eine aktuelle Umfrage zeigt deutlich: Aus Sicht vieler Spitalsärzt:innen funktioniert die Patientenlenkung derzeit kaum.
Die Kurie Angestellte Ärzte hat gemeinsam mit dem Institut für Medizinische Informatik, Statitsik und Dokumentation der Med Uni Graz im Februar und März 2026 eine Umfrage zum Thema Patientenlenkung durchgeführt. Angestellte Ärzt:innen zeichnen darin ein klares Bild von überlasteten Ambulanzen, langen Wartezeiten und einem Arbeitsalltag, der äußerst häufig durch Patient:innen geprägt ist, die auch im niedergelassenen Bereich adäquat versorgt werden könnten.
Starke Überlastung
Besonders belastend ist für die Befragten die hohe Zahl an Bagatellfällen in den Ambulanzen. Ein Viertel der Ärzt:innen gab an, dass die eigene Ambulanz in den vergangenen 4 Wochen völlig überlastet gewesen sei, die Hälfte sprach von einer ziemlich starken Überlastung. Und das, obwohl 71,61 % der angestellten Ärzt:innen angegeben haben, ein überwiegender Teil ihrer Patient:innen in den Ambulanzen hätte auch im niedergelassenen Bereich adäquat versorgt werden können! Lediglich 2 % meinten, die Situation sei „kaum“ oder „gar nicht“ belastend gewesen.
Mit der Überlastung gehen nicht nur lange Wartezeiten für Patient:innen einher, sondern auch wachsende Spannungen im Arbeitsalltag. „Das Hauptproblem sind Patient:innen, die ohne zuvor mit Haus- oder Fachärzt:innen gesprochen zu haben, direkt in die Ambulanz kommen“, heißt es in den Rückmeldungen. Immer wieder würden Menschen mit nicht akuten Beschwerden eine Spitalsambulanz aufsuchen, obwohl bereits in 1 oder 2 Wochen ein Termin bei einem Facharzt im niedergelassenen Bereich vereinbart sei – doch sie wollen die Wartezeit nicht in Kauf nehmen.
„Ohne eine verbindliche Patientenlenkung müssen die Ambulanzen weiter die strukturellen Defizite ausbaden und Patient:innen versorgen, die außerhalb des Spitals gleich gut und kosteneffizienter behandelt werden können. Es braucht dringend Lösungen von Seiten der Politik, um die Situation endlich in den Griff zu bekommen“, bringt Gerhard Posch, Obmann der Kurie Angestellte Ärzte, die Forderung der Ärzteschaft klar auf den Punkt.
In Ordinationen behandelbar
Besonders aussagekräftig fällt die Einschätzung der Befragten zur tatsächlichen Versorgungsnotwendigkeit im Spital aus. 71,61 % der angestellten Ärzt:innen haben angegeben, dass der überwiegende Teil ihrer Patient:innen in den Ambulanzen auch im niedergelassenen Bereich adäquat hätte versorgt werden können. Das verdeutlicht, wie stark sich die fehlende Patientenlenkung auf die Spitalsambulanzen auswirkt. Die Folge ist eine Überlastung des Systems, denn es geht ganz klar nicht um Einzelfälle, sondern um ein Problem im großen Ausmaß.
1450 wird kritisch gesehen
Die Bewertung der Hotline 1450 fällt ernüchternd aus. Rund 28 % der Teilnehmer:innen sagen, 1450 erfülle den Zweck, Patient:innen an die richtige Stelle zu leiten, gar nicht. Weitere 41 % meinen, dies gelinge kaum.
1450 kann die gewünschte Filterfunktion eindeutig nicht erfüllen. Besonders gravierend ist das deshalb, weil die Folgen im klinischen Alltag unmittelbar spürbar sind.
81 % der Ärzt:innen geben an, dass die fehlende Patientenlenkung ihren Arbeitsalltag durch ungeplante Spitzen, unnötige Abklärungen und zusätzlichen Zeitaufwand völlig oder ziemlich stark beeinträchtigt.
Ruf nach verbindlicher Patientenlenkung
Im Zentrum steht daher die Forderung nach einer verbindlichen Patientenlenkung und nach einer Stärkung des niedergelassenen Bereichs. „Es braucht ein System, das Patient:innen verlässlich an die richtige Stelle leitet – und zwar verbindlich. Freiwillige Empfehlungen reichen nicht aus, wenn Ambulanzen dauerhaft an ihrer Belastungsgrenze arbeiten“, so Kurienobmann Gerhard Posch. „Zu viele Menschen kommen direkt in die Ambulanz, ohne zuvor einen niedergelassenen Arzt aufzusuchen – oft mit Beschwerden, die schon seit längerer Zeit bestehen“, unterstreicht Kurienobmann-Stellvertreter Gerald Wolf. Die Hausärzt:innen haben eine Schlüsselrolle, wenn es darum geht, Patient:innenströme zu steuern. Dafür brauche es aber Angebote auch in Randzeiten, am Abend und an Wochenenden.
Hohe Kosten für Fehlsteuerung
Neben der Belastung stellt sich auch die Kostenfrage. Denn Patient:innen in der Ambulanz verursachen deutlich höhere Ausgaben als Behandlungen im niedergelassenen Bereich. Laut einer Auswertung des
Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit, Pflege und Konsumentenschutz lagen die Kosten je ambulantem Patienten bzw. je ambulanter Patientin bereits im Jahr 2024 bei rund 514 Euro. Im Vergleich ist die Behandlung von Patient:innen im extramuralen Bereich wesentlich kostengünstiger als im intramuralen Bereich.
Klare Botschaft
Das Stimmungsbild lässt wenig Interpretationsspielraum, so KO-Stellvertreter Gerhard Postl: „Die derzeitige Steuerung von Patientenströmen ist völlig unzureichend. 1450 erfüllt die Erwartungen nicht, die Überlastung der Ambulanzen wird als massiv beschrieben.“ KO Gerhard Posch: „Wir brauchen einen stärkeren niedergelassenen Bereich und eine verbindliche Patientenlenkung, damit die Notfallversorgung wieder ansetzen kann, wo sie gebraucht wird – bei echten Akutfällen.“
Foto: Furgler, Schiffer