AERZTE Steiermark 01/2026

 

Für die ÖSV-Rennläufer:innen immer gerne auf der Piste

Alexandra Reimann, Ärztin in Schladming, begleitet seit über 20 Jahren als Teamärztin Trainings und Rennen des ÖSV. Warum Kofferpacken viel Aufwand bedeutet, wann die Kälte ein echtes Problem wird und wie der Job ihren medizinischen Alltag verändert hat, verrät sie hier.

Wenn ein Rennläufer oder eine Rennläuferin des Österreichischen Schiverbandes (ÖSV) stürzt, kann das das Startsignal für Teamärztin Alexandra Reimann sein, mit ihrem rund 20 Kilogramm schweren Rucksack auf die Rennpiste zu fahren. Die Schladminger Ärztin ist seit 2002 Mitglied im ÖSV-Teamärzteverband und begleitet den „Schi-Zirkus“ 3 Wochen pro Jahr bei Trainings und Rennen in aller Welt.

Mit viel Leidenschaft

Am Beginn dieses Engagements stand eine Begegnung bei der Turnusausbildung in Steyr, erzählt sie: „Dort habe ich Dr. Kisling kennengelernt, der für den ÖSV tätig war. Als ich nach Schladming gegangen bin, habe ich ihn bei einer Fortbildung wiedergetroffen. Er hat mich angesprochen, ob ich das Team des ÖSV begleiten möchte.“ Es folgte ein erstes Training in Italien – und eine Leidenschaft, die Alexandra Reimann seitdem nicht mehr losgelassen hat. „Für mich ist das eine Auszeit, ein eigenes Leben und eine lässige Erfahrung, deshalb nehme ich mir auch dafür frei.“ Da von Weihnachten bis März auch im DKH Schladming „Hauptsaison“ ist, sind es vor allem die Einsätze zu Beginn der Saison in den USA, die sie begleitet. „Die WM 2015 in Beaver Creek war die einzige Großveranstaltung, bei der ich dabei war.“ Ein echtes Highlight dank strahlend blauem Himmel und vielen Medaillen.

Das sind die Sonnen-Seiten des Jobs, doch auf der anderen Seite steht man bei gefühlten -30 Grad stundenlang auf der Piste … „In Kanada hatten wir mal -38 Grad – alles, was du auspackst, friert in Sekundenschnelle“, erinnert sich die Teamärztin, dass nicht nur die Zufahrt über die spiegelglatte Rennpiste mit schwerem Rucksack und ohne Stöcke durchaus herausfordernd ist. Und zusätzlich sind ja auch oft noch die Fernsehkameras auf einen gerichtet. Doch die Atmosphäre im Schi-Zirkus und die vielen Freundschaften, die in diesen Jahren entstanden sind, sieht sie als echtes Privileg an.

Mehr Verständnis

Die Arbeit mit den Rennläufer:innen des ÖSV hat auch Alexandra Reimanns „normalen“ Berufsalltag im Krankenhaus verändert: „Das Bewusstsein ist ein anderes. Zum Beispiel ist das Verständnis größer geworden, wenn ein Jugendlicher in die Ambulanz kommt und als erstes fragt, wann er wieder Schifahren kann. Dann sagt man nicht gleich: ,Jetzt geht einmal 6 Wochen lang nichts.‘ Man schaut, dass man in der Ambulanz einen Gips für den verletzten Daumen basteln kann, mit dem er wieder Schifahren kann. Man passt die Therapien eher an und geht auf die individuellen Verhältnisse ein.“ Auch in Situationen, wenn ausländische Athlet:innen in Schladming ins Krankenhaus kommen, die eigene Ärzt:innen oder Physiotherapeut:innen mitbringen und die sagen, was sie brauchen, profitiert die Teamärztin von ihrer langjährigen Erfahrung: „Früher fand ich das unangenehm. Jetzt weiß ich, wie es ist, wenn man in einem anderen Land im Krankenhaus steht und seinen Sportler ideal versorgen will. Ich behandle sie so, wie ich es selbst in so einer Situation gerne hätte.“ Die optimale Zusammenarbeit ist viel stärker ins Zentrum gerückt.

Bereichernde Erfahrungen

Durch die Reisen mit dem ÖSV kennt die Sportmedizinerin die medizinische Versorgung in vielen Ländern: „Ich schaue mir, wenn wir irgendwo hinkommen, zuerst vor Ort das Krankenhaus an und die Möglichkeiten, die es gibt. Die Rennen sind immer gut organisiert, aber in medizinischer Hinsicht muss ich vieles erst aufstellen. Im Notfall hilft es, im Vorhinein bereits zu wissen, wo die Möglichkeit für eine radiologische Untersuchung oder eine MRT-Abklärung besteht.“

Der Kontakt mit Berufskolleg:innen in aller Welt ist medizinisch interessant und sehr bereichernd, sagt sie: „Und was man dabei feststellt und nicht vergessen darf: Wir sind in Österreich top versorgt. Wenn man sieht, wie es in anderen Ländern im Gesundheitssystem abläuft, dann jammern wir schon auf sehr hohem Niveau.“ Andere Länder – andere Sitten: auch daran müsse man sich gewöhnen. „In Amerika erfolgt die Rettung von der Piste z. B. ausschließlich mit dem Akja und an Bord des Hubschraubers ist ein Paramedic – ein Arzt darf nicht mitfliegen“, erzählt sie von anfangs durchaus überraschenden Erkenntnissen. Einfacher ist das natürlich bei Alexandra Reimanns „Heim-Rennen“: Beim Night Race in Schladming ist sie als leitende Notärztin seit vielen Jahren Teil des Organisationsteams.

Hausapotheke im Gepäck

Wenn die Fachärztin für Traumatologie und Orthopädie, Allgemeinmedizinerin, Sportmedizinerin und Notärztin mit dem ÖSV nach Amerika fliegt, reist sie als Touristin ein: „Ich bin dort ja nicht als Ärztin versichert, darf auch ausschließlich Österreicher:innen innerhalb des Schi-Zirkus behandeln.“ Das Packen für die Reise gestaltet sich dabei durchaus aufwendig, denn im Gepäck ist quasi eine komplette Hausapotheke, schließlich können Medikamente nicht einfach vor Ort erworben werden. Neben den Doping-Vorschriften, die es zu bedenken gilt, braucht es also auch Ein- und Ausfuhrlisten entsprechend der Einreisebestimmungen und vieles mehr. „Deshalb gehört einfach viel Herzblut dazu“, lacht Alexandra Reimann und freut sich schon auf ihren nächsten „Urlaub“ mit dem ÖSV-Team.

 

Foto: privat