AERZTE Steiermark 01/2026

 

Dry January:  Stop drinking – start living!

Alkohol bleibt das häufigste Suchtmittel in Österreich. Ein nüchterner Monat kann hier mehr aufdecken und bewirken, als es zunächst scheint. Denn hinter jeder Form der Sucht steht mehr als nur eine Substanz.

Ob Alkohol, Cannabis oder Social Media – beim Konsum von Suchtmitteln geht es um emotionale Regulation, Lebensstil, gesellschaftliche Normen und psychische Gesundheit. Alexandra Kohlhammer-Dohr, Fachärztin für Psychiatrie und Oberärztin am LKH-Univ. Klinikum Graz, erklärt am Beispiel von Alkohol was dahintersteckt: „Alkohol ist mit einem Lebensgefühl verbunden, besondere Anlässe und Erfolge werden damit gefeiert. Er wirkt schnell spannungs- und angstlösend sowie dämpfend – alles angenehme Zustände. Zudem ist Alkohol legal, günstig und sozial akzeptiert. In sozialen Situationen muss man sich eher erklären, wenn man keinen Alkohol trinkt. Die Entwicklung eines problematischen Alkoholkonsums wird oft lange unter dem Genussaspekt verschleiert.“

Bewusstseinsbildung

Die Idee des „Dry January“ ist simpel: einen Monat keinen Alkohol trinken. Medizinisch betrachtet hat das aber großes Potenzial. „Denn das bietet Menschen die Möglichkeit, ganz niederschwellig das eigene Trinkverhalten zu hinterfragen und die positiven Aspekte der Alkoholkarenz zu erleben. Man bemerkt frühzeitig, inwieweit Alkohol zum Alltag gehört und welche Funktionen er erfüllt. Wenn beispielsweise Gereiztheit, innere Unruhe, Schwitzen, Schlafstörungen und ein häufiges Denken an Alkohol auftreten, könnte dies schon ein Hinweis auf eine Abhängigkeitserkrankung sein“, so Kohlhammer-Dohr. Ein alkoholfreier Monat verbessert die Schlafqualität, entlastet die Leber und wirkt sich positiv auf Blutdruck und Stresslevel aus. Doch wie nachhaltig ist die Aktion? Langzeitstudien zeigen: Rund ein Drittel der Teilnehmenden hält auch Monate später einen reduzierten Konsum aufrecht. Für den Rest bewirkt es zumindest eine Bewusstseinsbildung für das eigene Verhalten oder bereits vorhandene Symptome.

Wandel im Suchtverhalten

Alkohol stellt in Österreich nach wie vor die häufigste substanzgebundene Abhängigkeit dar, das Konsummuster verändert sich aber. „Jüngere Menschen konsumieren tendenziell bewusster, trinken seltener regelmäßig, aber dafür intensiver bei einzelnen Gelegenheiten, z. B. durch den Konsum von Shots, die zu einer raschen und höhergradigen Alkoholisierung führen“, beobachtet die Expertin. Großen Einfluss hat dabei auch die Filmindustrie.

Neue Abhängigkeitsformen

Hinzu kommen neue Formen der Abhängigkeit – insbesondere bei Jugendlichen. „In der Allgemeinpsychiatrie sehen wir immer häufiger junge Erwachsene, die schon seit frühester Jugend, ab ca. 14 Jahren, begonnen haben, regelmäßig und teilweise auch sehr exzessiv Cannabis zu konsumieren. Cannabis in dieser vulnerablen Zeit der Entwicklung von neuronaler Vernetzung führt zu weniger Intelligenzpunkten und der Entwicklung eines amotivationalen Syndroms“, so Kohlhammer-Dohr. Eine weitere Problematik ist das Nutzungsverhalten von Sozialen Medien, Gaming und Online-Shopping – sie greifen tief in das dopaminerge Belohnungssystem ein. Und auch Nikotinersatzprodukte sind im Vormarsch. Während der klassische Zigarettenkonsum sinkt, boomen Vapes, E-Zigaretten und Nikotinbeutel.

Entstigmatisierung und Prävention

Die größten gesundheitspolitischen Herausforderungen in der Suchtprävention sieht Kohlhammer-Dohr in der Entstigmatisierung von psychiatrischen Erkrankungen und Suchterkrankungen im Speziellen. „Abhängigkeit kann jede:n treffen – unabhängig von Status, Bildung oder Beruf. Das frühzeitige Erkennen und die Bereitschaft zur Veränderung sind entscheidend.“ Und andererseits geht es darum ein Problembewusstsein zu entwickeln und ein niederschwelliges Angebot anzubieten. „Viele Menschen scheuen den Kontakt zu Suchthilfeeinrichtungen, weil sie sich nicht als abhängig sehen. Hausarztpraxen und Primärversorger könnten da als Schnittstelle – auch zu hochschwelligen Angeboten – dienen“, wünscht sich die Expertin.

 

Suchtverhalten in Österreich & der Steiermark

Alkohol in Zahlen

Ø 11 Liter reiner Alkohol wird pro Person und Jahr getrunken (Österreich).

Ca. 370.000 Menschen gelten als alkoholabhängig.

15 % konsumieren riskant – also gesundheitlich bedenklich.

In der Steiermark trinkt etwa ein Viertel der Bevölkerung

an ≥5 Tagen/Woche Alkohol.

8 % konsumieren fast täglich sehr große Mengen.

Trinkverhalten

Frauen und Personen im Alter von 35–64 Jahren zeigen steigende Konsumwerte. Junge Menschen trinken seltener, aber bei einzelnen Anlässen intensiver. Ältere Menschen trinken häufig regelmäßig kleinere Mengen.

Neue Suchtrisiken

Cannabis: Früher Konsumbeginn ab 14 Jahren

Digitale Süchte: Gaming, Social Media, Online-Shopping

Nikotinersatzprodukte: Vapes, E-Zigaretten & Nikotin-beutel v. a. bei Jugendlichen

Risikofaktoren für Abhängigkeit

Hoher Alltagsstress & emotionale Belastung

Psychische Grunderkrankungen

Früher Beginn eines regelmäßigen Konsums

Frühwarnzeichen

Gereiztheit, Schlafstörungen, häufiges Denken an Alkohol,

Verharmlosung des eigenen Konsums, soziale Isolation oder Verheimlichung

 

Foto: Edi Aldrian, envato_seventyfournimages