AERZTE Steiermark 02/2026

 

„Alleine bist du gar nichts, es ist immer Teamwork pur“

Der Kniechirurg Jürgen Mandl war jahrelang leitender Teamarzt bei Sturm Graz und auch die Wintersportler:innen vertrauen auf ihn. Wann er auf Videoanalyse setzt und wie es ist, für einen Spielerkader im Wert von 60 Millionen Euro verantwortlich zu sein, erzählt er hier.

„Die letzten 10 Jahre war ich als leitender Teamarzt bei Sturm Graz tätig. Es ist eine besondere Verantwortung ein Team aus mehreren Ärzten zu koordinieren und über das Wohl und die Gesundheit eines Spielerkaders im Wert von 60 Millionen Euro haupt- und letztverantwortlich zu sein“, fasst es Jürgen Mandl recht prägnant zusammen, was er „neben“ seiner Tätigkeit als Unfallchirurg und Sporttraumatologe sowie Allgemeinmediziner so managt. Wobei „nebenbei“ natürlich nur salopp formuliert ist, denn zur Jobdefinition „Leitender Teamarzt“ gehören Dienstzeiten von 0 bis 24 Uhr, auch wenn Mandl sagt: „Ich bin in erster Linie Chirurg, die Tätigkeit für Sturm ist ein Hobby“. Ein Hobby, das er mit wahnsinnig viel Herzblut und Leidenschaft „lebt“, zu dem aber auch „sehr viele Reisen, Anrufe abends um 23 Uhr genauso wie wochenends“ gehören. Deshalb hat sich der Arzt entschieden, mit 2026 die Leitung an Max Kerl abzugeben, als chirurgischer Consultant bleibt er dem Team erhalten.

Für den Weg dorthin war die Begegnung mit Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt, dem Mannschaftsarzt von Bayern-München, prägend. Bei ihm war Jürgen Mandl als Patient, denn der steirische Arzt ist nicht nur der Sohn des Zehnkämpfers Horst Mandl, sondern war als Jugendlicher im steirischen Schi-Rennkader, errang Staatmeistertitel im Leichtathletik-Zehnkampf und war Nachwuchsfußballer beim SK Sturm. Als Leichtathlet kam Mandl in die österreichische Heeressport- und Nahkampfschule bis er – verletzungsbedingt – in den Bobsport wechselte. Diese Laufbahn krönte er mit dem Europameistertitel 1989 und den Weltcup-Gesamtsieg 1990 im Viererbob.

Ärzteteam aufgebaut

Wichtig ist Mandl, dass er bei Sturm auf ein Ärzteteam zurückgreifen kann: „Wir haben das wirklich extrem gut und professionell aufgestellt. Es ist gelungen, hier sehr gute Strukturen zu schaffen. Daniel Resch, der schon als Student bei mir war, ist beispielsweise als Medical Assistant für Organisatorisches und Administratives zuständig. Ebenso habe ich über Jahre die Physiotherapeuten für Sturm ausgesucht“, weiß er, dass es wichtig ist, dass alle Rädchen perfekt abgestimmt ineinander greifen.

Die Medizin ist ein wichtiger Baustein für den Erfolg. „Verletzt sich ein junger Fußballspieler von Sturm, kann das bedeuten, dass man mit seinem behandelnden Arzt in Lyon kommunizieren muss, seine Eltern anreisen und vieles mehr. Als Teamarzt vertritt man den Verein und den Spieler. Und man darf nicht vergessen, dass ein Spieler auch ein Wert, eine Aktie ist.“ Die Themen Ausfallzeiten und finanzielle Konsequenzen stehen immer mit im Raum.

Videoanalyse

Den Ernst der Lage bei einer Verletzung erkennt man oft schon am Gesichtsausdruck der Fußballspieler, vor allem wenn man sie kennt und einschätzen kann, sagt der Arzt. Und: Bevor man einläuft, hat man meist schon mit den Physiotherapeuten die Video- und damit Unfall-analyse gemacht. Mit dem Zeitdruck, der Erwartungshaltung und dem Umfeld muss man umgehen lernen, schließlich steht man ja auch als Arzt im Scheinwerferlicht. Druck besteht, weil es ja nicht nur um die Gesundheit, sondern auch um die Leistungsfähigkeit der Sportler:innen geht. „Es ist eine Gratwanderung zwischen ärztlich Machbarem und Erwartetem. Sicherheit und Vernunft müssen im Fokus bleiben, man erstellt ein Risikoprofil und muss sich selbst treu bleiben, gewisse Grenzen nie überschreiten.“

Und es sind nicht nur die Fußballer, die in Sachen Kniechirurgie auf den Spezialisten vertrauen. „Als Consultant für den Österreichischen Schiverband bin ich in den Wintermonaten viel mit den Wintersportler:innen beschäftigt.“ Nici Schmidhofer und Conny Hütter konnte er erfolgreich operieren, Marcel Hirscher vertraut genauso auf ihn. Danach gefragt, was ihm die Tätigkeit zurückgibt, sagt der Chirurg: „Dankbarkeit ist, wenn du mitverfolgst, dass ihre Karriere weitergeht. Bei Julia Scheib habe ich gesehen: Die ist schon schwer geprüft und jetzt wird sie richtig gut. Man ist ein kleiner Mosaikstein – und das reicht.“

Verknüpft

Learnings aus seiner Erfahrung in der Betreuung von Leistungssportler:innen gibt es, sagt Mandl: „Alleine bist du gar nichts, es ist immer Teamwork pur. Und die Chirurgie ist nur ein Part. Die Sportmedizin wird immer stärker in Prävention und Belastungssteuerung eingebunden, mit der Reha verknüpft, alles greift ineinander.“

Volles Vertrauen

Unglaublich spannend sind die Erfahrungen von Jürgen Mandl. Dass er sie machen konnte, dafür seien aber andere Menschen ganz wichtig, betont er: „Meine Eltern, meine Frau und meine beiden Söhne haben meinen Weg mitgeprägt und dass ich meine Einsätze im Sport so machen kann, habe ich auch meinem Partner in der Ordination in der Auersperggasse, Mark Passl, zu verdanken. Wenn ich zu einem Europacup-Spiel fliegen muss, braucht es jemanden, der dich zu 100 % vertritt. Jemanden, dem man blind vertraut.“ So wie die Sportler:innen eben Jürgen Mandl vertrauen …

 

Foto: Sebastian Atzler