AERZTE Steiermark 07-08/2026
In der Marienambulanz für Menschen in Not im Einsatz
Die Marienambulanz in Graz ist eine offene Ambulanz mit niederschwelliger allgemeinmedizinischer Erst- und Grundversorgung für Menschen in Not. Hierhin kommen Menschen ohne Krankenversicherung oder in einer schwierigen Lebenslage. Geleitet wird die Ambulanz von Irene Holzer.
In Ulm hat Irene Holzer Medizin studiert und die Ausbildung zur Fachärztin für Innere Medizin begonnen. Abgeschlossen hat sie diese in Österreich, arbeitete nach der Karenz als Arbeitsmedizinerin. „Das war mir zu wenig therapeutisch, daher habe ich mich weiter umgesehen“, erzählt sie.
In der Ärzte-Zeitung hat sie dann gelesen, dass die Marienambulanz in Graz Ehrenamtliche sucht. „Ab 2002 habe ich dort nebenbei als ehrenamtliche Ärztin allgemeinmedizinisch gearbeitet und unter anderem viele Flüchtlinge aus Ex-Jugoslawien betreut.“ 2006 wurde die Einrichtung zu einem Ambulatorium – und Irene Holzer zu dessen ärztlicher Leiterin. In dieser Funktion arbeitet sie seitdem in Teilzeit, zusätzlich zur Tätigkeit in der Arbeitsmedizin. Vor kurzem hat sie das ÖÄK-Diplom Psychotherapeutische Medizin (Psy3) abgeschlossen.“
Obdachlose und Nicht-Versicherte
Ein großer Teil der Motivation in der Marienambulanz zu arbeiten, in der obdachlose Menschen, Menschen aus prekären Verhältnissen und Nicht-Versicherte versorgt werden, liegt an „vielen sehr netten und auch dankbaren Patient:innen“, sagt sie und am abwechslungsreichen Feld der Allgemeinmedizin mit den sozialen Fragestellungen, die hier hineinspielen. Außerdem sieht Holzer es als positive Herausforderung mit Menschen zu sprechen, die nicht gut Deutsch können.
Beschwerden „querbeet“
Knapp über 2.000 Patient:innen wurden im letzten Jahr in der Marienambulanz betreut, im Schnitt kommen diese 5-mal, was in Summe knapp 10.000 Konsultationen bedeutet. „Die Patientenzahlen steigen kontinuierlich, wenn auch nicht dramatisch, an. Gerade bei nicht-versicherten Österreicher:innen merken wir eine Zunahme“, erklärt die Fachärztin. Bis zum Urkraine-Krieg waren es eher jüngere Menschen, die die Ambulanz aufgesucht haben, nun sind viele Ältere gekommen. Behandelt werden alle Beschwerden „querbeet“ wie in jeder Hausarztordination, „dazu kommen öfter Hautprobleme wie Krätze, bedingt durch das Schlafen auf der Straße oder durch sehr beengte Wohnverhältnisse“. 50 % der Patient:innen in der Marienambulanz sind versichert – bei diesen schaut man, dass sie rasch wieder ins System überwiesen werden. „Das sind Menschen, die neu im Land sind und über andere Caritas-Einrichtungen bzw. auf Grund sprachlicher Hürden zu uns kommen, oder obdachlose bzw. Menschen in prekären Wohnsituationen, die unten zum Essen ins Marienstüberl kommen und sich schämen, woanders hinzugehen.“
Interdisziplinär
Eine Besonderheit in der Marienambulanz ist der interdisziplinäre Ansatz: „Wir arbeiten seit Beginn eng mit der Sozialarbeit zusammen, sind wie ein Primärversorgungszentrum. Einrichtungen wie die Marienambulanz für spezielle Zielgruppen wird es immer brauchen.“ Daher kümmert Irene Holzer sich zusätzlich auch um Lobbyarbeit, Gespräche mit Stakeholdern in Gesundheitsfonds und Politik.“
Fachärzt:innen gesucht
„Wer bei uns mitarbeitet, hat die Unterstützung des ganzen Teams mit Haupt- und Ehrenamtlichen und die Zusammenarbeit ist toll, da greifen alle zusammen“, schwärmt die Ärztin von den Menschen, die in der Marienambulanz tätig sind. Die Fluktuation ist daher gering: „Die meisten arbeiten sehr lange mit.“ Doch gerade bei den Fachärzt:innen, die einmal pro Monat in die Marienambulanz kommen oder als Kooperationspartner ein bis zwei Patient:innen in ihren eigenen Praxen betreuen, tut sich in nächster Zeit – pensionsbedingt – eine Lücke auf, weiß Holzer: „Wir brauchen vor allem jemanden für den Bereich Gynäkologie, aber auch unsere Lungenfachärztin und unser Internist gehen in Pension. Manchmal wird zwar sozusagen weitervererbt – wie bei unserer Kinderfachärztin, wo der Sohn übernommen hat, oder bei unserem Labor-Partner –, aber wir brauchen weitere Fachärzt:innen, die uns unterstützen.“
Offenheit und Zeit
Doch was muss man mitbringen, um in der Marienambulanz zu arbeiten? „Man muss offen dafür sein, auf andere Menschen und andere Lebenssituationen einzugehen. Man muss versuchen, sich in andere Lebenssituationen hineinzuversetzen und Dinge nicht persönlich nehmen. Bei uns braucht alles viel Zeit, wir haben auch die Ordinationen immer doppelt besetzt. Praktikant:innen aus den Pflegewissenschaften werden in der Ambulanz ebenso ausgebildet wie KPJ-Studierende. Holzer: „Unserer Zielgruppe ist natürlich herausfordernd: Menschen, die auf der Straße leben oder Fluchterfahrung haben, sehr arm sind und teilweise sehr wenig Bildung haben. Man muss lernen, richtig mit ihnen zu kommunizieren. Damit z. B. ein Analphabet mit wenig Gesundheitskompetenz versteht, warum er ein Blutdruckmedikament nehmen muss. Man kann bei uns einiges lernen.“
Was Irene Holzer besonders freut, ist, wenn Menschen wieder ins System integriert sind: „Auf einem Allgemeinmedizin-Kongress hat mich beispielsweise ein Mann angesprochen und sich bedankt, dass ich ihm geholfen habe, als er nicht versichert war. Heute arbeitet er auf der Messe. Diese Begegnungen sind schön.“
Bei Interesse an einer ehrenamtlichen Mitarbeit ist die Marienambulanz erreichbar unter marienambulanz@caritas-steiermark.at
Foto: Mario Gimpel